Mein Jakobsweg – Camino de Santiago

Posted on February 2, 2011

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Letztes Jahr hatte ich die großartige Gelegenheit den Jakobsweg (genauer den “camino frances”) zu laufen. Ich war ca 5 Wochen von Mitte April bis Mitte Mai von Saint Jean Pied de Port in Frankreich nach Fisterra in Spanien unterwegs. In diesem Artikel möchte ich ein paar praktische Tipps für mich als Erinnerung und  andere als mögliche Planungshilfe festhalten.

Ich werde diesen Artikel ist bewusst sachlich halten, da es meiner Meinung nach genügend Texte darüber gibt, wie unglaublich und großartig die Erlebnisse auf dem Weg sein können. Das sind sie auch meiner Meinung nach! Ich denke nur es hindert jeden neuen Pilger daran seine eigenen Erfahrungen zu machen, wenn er mit konkreten Erwartungen aus  fremden Geschichten aufbricht.

Ist der Jakobsweg etwas für mich?

Der Jakobsweg kann für jeden Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen und auf die unterschiedlichsten Weisen ein gutes Erlebnis sein und viele wertvolle Erfahrungen bereithalten. Die Auszeit durch einen völlig anderen Tagesablauf, die meist erhöhte körperliche Bewegung oder allein die Menschen die man treffen kann, können Quellen für eigene Denkanstöße sein. Auch wenn es inzwischen kein Geheimtipp mehr ist, läuft doch jeder seinen eigenen Weg, was für mich das absolut Entscheidende ist. Wenn man der Belastung des Laufens körperlich gewachsen ist, steht der Pilgerschaft nichts im Wege. Psychisch kann der Weg ebenfalls eine große Herausforderung sein. Bei Vorerkrankungen psychischer Art ist es sicher geraten vorher mit einem Arzt zu sprechen.

Was ich vermeiden würde…

Jeder bricht aus einem bestimmten Grund auf um den Weg zu gehen. Ich möchte jedoch warnen mit einem ganz konkreten Ziel loszulaufen. Meiner Meinung nach ist es nicht schwierig den Weg zu einem guten Erlebnis werden zu lassen. Es ist jedoch auch sehr einfach sich das Erlebnis zu vermiesen, oder gar schlimm enttäuscht zu werden. Eine paar der Dinge, die ich beim nächsten Mal (wieder) meiden würde sind:

  • mit einer konkreten Erwartung loslaufen (z.B. mich selbst finden, Gott finden, jemanden kennen lernen, ein ganz besonderes Erlebnis haben, meine Probleme in den Griff bekommen, die Zeit meines Lebens erleben) – viele dieser Dinge habe ich von Menschen gehört. Leider haben einige in dieser Beziehung heftige Enttäuschungen hinnehmen müssen.
  • nach dem Weg zurück in die Heimat fliegen, besonders am selben Tag an dem man Santiago erreicht, oder kurze Zeit später – wenn man sich auf den Jakobsweg einlässt, erlebt man Zeit ein wenig anders. Häufig machen Pilger Erfahrungen, die sie in ihren Alltag mitnehmen möchten, die jedoch etwas Zeit brauchen. Mit einem Rückflug ist man in ca 1.5 Stunden wieder in seinem alten Umfeld und man ist auch sehr schnell wieder im Alltag gefangen. Wer viel Zeit hat, dem empfehle ich den Zug, der von Santiago entlang des Jakobsweges rückwärts Richtung Frankreich fährt. Man hat einen ganzen Tag Zeit die Strecke nochmal zu sehen, darüber nachzudenken und z.B. deren Weite zu verstehen.
  • einen festen Zeitplan haben – man kann die Route auf dem Jakobsweg dank vieler Bücher und Wikipedia ziemlich genau planen. Distanzen sind klar, Geschwindigkeit wenn auch schwierig, dennoch ungefähr abschätzbar. Natürlich hat man nur begrenzt Zeit und muss seinen Rücktransport organisieren. Meiner Meinung nach lebt der Weg allerdings davon, dass man mit ihm und den Gegebenheiten (Wetter, Menschen, eigene Form) geht und nicht einem vorgefertigten Plan folgt.

Tipps

Ich möchte keine Tipps zu Herbergen oder Städten geben. Es zählen immer die Menschen, die Situation und die Erlebnisse. Einen der schönsten Abende habe ich in in der einfachsten und kältesten Herberge erlebt. Außerdem tendiert man durch Tipps doch dazu einen Plan zu machen, was ich wie gesagt vermeiden würde. Es gibt jedoch ein paar Dinge, die ich auf dem Weg gelernt habe, bei welchen die meisten Pilger übereinstimmen und die ich mir für das nächste Mal unbedingt merken möchte:

  • sich auf den Weg einlassen – was immer auf dem Jakobsweg passiert soll vermutlich so passieren. Tut mein Fuß weh, kann ich nicht schneller gehen. Habe ich abends noch sehr viel Energie möchte ich vielleicht doch noch 10 km laufen. Ich würde versuchen eher den Gegebenheiten zu folgen, als einem festen, vorkalkulierten Plan. “Ich muss in 3 Tagen da sein.”, “Ich will unbedingt diese Person wiedersehen.” und “Ich will unbedingt in dieser Herberge übernachten.” können einen davon abhalten die richtigen Menschen zu treffen. Aber manchmal natürlich auch dazu verhelfen ;).
  • nicht zu schnell laufen: eine Weisheit, die mir ein Pilger, der mir auf seinem Weg nach Jerusalem entgegen kam am 4. Tag mit auf meinen Weg gab, die ich aber erst nach 2 Wochen verstand. Ich habe am Anfang vor allem das Ziel gehabt anzukommen und dabei doch Vieles übersehen. Ein guter Trick für den Fall, dass man in einer Gruppe läuft ist, sich den Langsamsten auszusuchen und gelegentlich mit ihm zusammen zu laufen.

Welcher Weg?

Es gibt sehr viele Jakobswege. Welchen Weg man läuft hängt vor allem davon ab zu welcher Jahreszeit man laufen möchte. In den Büchern sind die verschiedenen Wege mit ihren Vor- und Nachteilen gut beschrieben. Ich bin den “camino frances” gelaufen. Der defakto Hauptweg zieht jährlich ca 80% der Pilger an. D.h. der Weg ist selbst im Frühjahr schon relativ voll. Wer zum ersten Mal läuft und gut ausgebaute Infrastruktur möchte, für den ist dieser Weg wunderbar geeignet. Wer wirklich wenige Menschen treffen will und viel für sich allein sein, sollte sich vielleicht doch nach einem anderen umschauen.

Wetter

Man sollte sich genau nach den Bedingungen auf dem jeweiligen Weg erkundigen. Für den “camino frances” kann ich nur sagen: es ist erstaunlich, wie kalt eine es in Spanien im Mai noch sein kann. Kurz vor Galicien habe ich nochmals Schnee erlebt! Und in jedem Fall ist gute Regenausrüstung viel Wert. Siehe Packliste.

Packliste

Die Listen sind in den Büchern gut beschrieben und vollständig. Zwei Besonderheiten möchte ich erwähnen, die mir wichtig sind:

  • Gute (getestete) Regenausrüstung. Poncho für Rucksack und Pilger und eventuell (sind die Schuhe wasserdicht?) Stulpen für die Schuhe! Für mich gibts da keine Alternative. Haben oder nicht kann zwischen Abbrechen und Weiterlaufen entscheiden. Ich dachte eine Jacke wäre praktisch weil flexibel und leichter und auch anders einsetzbar. Aber wenn es wirklich den ganzen Tag (kalt) regnet, dann zählt einfach nur and keiner Stelle naß zu werden. Poncho + Stulpen erfüllen genau dieses Anforderungen.
  • Schuhe: zu den Wanderstiefeln würde ich wieder ein einfaches paar Flip Flops, für die Dusche und bei Wärme auch für die Stadt, und ein paar leichte Freizeitschuhe mitnehmen, in denen man im Notfall auch mal ein paar Stunden wandern kann. Meine Tevas haben den Dienst gut erfüllt. Leichte geschlossene Schuhe sind allerdings auch eine Alternative, da sie den Fuß besser gegen Verletzungen schützen.

Buch/Reiseführer

Ich habe Vorbereitung und die eigentliche Reise mit dem Buch “Spanien, Jakobsweg, Camino Frances “ des Conrad Stein Verlages gemacht. Es ist ein kleines Buch, kostet nicht viel Geld und enthält meiner Meinung nach alle wichtigen Informationen. Man muss mit Details vorsichtig sein, da sich Preise, genaue Öffnungszeiten etc zu schnell ändern, um im Buch immer korrekt sein zu können. Allerdings sind Streckenlängen, Anzahl der Herbergen etc bestens aufgelistet. Ein Vorteil dieses Reiseführers ist, dass er keine Tagesetappen vorschlägt, und es somit erleichtert seinen eigenen Weg zu finden.

Eine Pilgerreise auf dem “camino frances” ist heutzutage beinahe völlig ohne Reiseführer möglich. Es gibt in den Pilgerinformationen Listen mit Herbergen inclusive der Distanzen. Der Weg selber ist ausgiebig mit (gelben) Pfeilen, Schildern und Steinhaufen gekennzeichnet, so dass es fast unmöglich ist sich zu verlaufen.

Pilgerausweis

Die meisten Bücher raten den Pilgerausweis unbedingt vor Abreise im Heimatland bei der jeweiligen Jakobsgesellschaft zu bestellen. Dies ist jedoch nicht unbedingt notwendig. Auf dem “camino frances” kann man Ausweise auch in fast jeder Stadt und Herberge erwerben, manchmal sind sie da sogar umsonst. Im Heimatland bezahlt man oft mehr, unterstützt dafür aber auch die Arbeit der Jakobsgesellschaft, die meist den Betrieb von bestimmten Herbergen aufrechterhalten.

Geld

Abhängig von seinem Ausgabegewohnheiten kann man mit ca einem Euro pro Kilometer hinkommen. Mit 1.5 Euro ist das auch recht entspannt möglich. Obwohl sehr touristisch sind die Preise in den kleinen Dörfern entlang des Weges noch sehr unverdorben. Ein Glas Wein für 50 Cent in einer Bar ist möglich. Sicher wird sich das in den nächsten Jahren ändern.

Schuhe / Socken / Blasen

  1. Wanderstiefel vs. leichte Wanderschuhe/Mountainrunner: das ist eine Risikoabschätzungsfrage. Leichte Wanderschuhe sind gut. Man hat weniger Probleme mit Blasen, sie sind leichter etc. Allerdings schützen sie den Knöchel nicht vor Verstauchungen. Die Entscheidung sollte natürlich von der Beschaffenheit des jeweiligen Weges abhängig gemacht werden. Auf dem “camino frances” gibt es ein paar Stellen, an denen Stiefel eine gute Wahl sind. Über weite Strecken ist man jedoch auch mit Leichtwanderschuhen gut unterwegs. Ich bin mit Stiefeln gelaufen und würde das auch wieder tun. Bei den Stiefeln würde ich nicht sparen. Meine Meindl für 200 Euro waren jeden Cent wert. Allerdings ist es tatsächlich wichtig die Schuhe einzulaufen. Und zwar vor allem mit Gewicht! Meine ersten drei Wanderungen mit Gewicht haben mir große Schmerzen bereitet, ich war drauf und dran die Stiefel zurück zu geben, aber danach wurde es besser, und auf dem Weg hatte ich keinerlei Probleme.
  2. Socken: Ich hatte zwei paar Falke TK2. Einmal mit CoolSystem – das macht meiner Meinung nach allerdings keinen Unterschied. Entscheidend ist nur: gute Socken, mindestens 2 Paar (laut Forest Gump 3) und auch diese einlaufen zusammen mit den Schuhen.
  3. Blasen vermeiden: Ich hatte das Glück bis einen Tag vor Santiago nicht eine einzige Blase zu haben. Und auch die hat sich glücklicherweise nie voll entwickelt. Zum Thema Blasen beim Wandern gibt’s immer Informationen in den Büchers und außerdem eine Unmenge an unterschiedlichsten Theorien. Meine Erfahrungen sind:

Auf keinen Fall:

  • mit nassen Socken / Füßen laufen – die Haut wird weich und es bilden sich schneller Blasen
  • mit schlechten oder zu engen Socken / Schuhen laufen – Reibung -> Blasen
  • es gibt wohl die Technik Nylon unter die Socken zu tragen, oder die Füße vor dem Laufen mit Vaseline einzureiben. Die Idee ist, dass durch geringere Reibung die Wahrscheinlichkeit für Blasen verringert wird. Meiner Meinung nach ist das keine gute Idee! Der Fuß sitzt nicht fest im Stiefel und rutscht mehr, was die Blasenwahrscheinlichkeit erhöht.
  • die Theorie, dass man keine Blasen bekommt, wenn man seine Socken nicht wäscht konnte ich nicht bestätigen
  • zu lange/weit laufen – die Füße können ein gewissens Pensum an Belastung verkraften – Faustregel 25 km/Tag. Mehr birgt Gefahr für die Füße.

Auf jeden Fall:

  • Fußcreme. Sie macht die Haut wieder weich und verhindert die Bildung von Hornhaut, welche dann leichter zu Blasen führt. Ich hörte die Hinweise man solle abends, morgens und in jeder Pause die Füße eincremen. Meiner Erfahrung nach ist das zu viel. Abends cremen: unbedingt. Direkt vor dem Laufen allerdings ist es keine gute Idee, weil mit ein bisschen Schwitzen der Fuß sehr rutschig wird und man eher Gefahr läuft Blasen zu bekommen. Hirschtalg ist wohl der Klassiker, gibt’s günstig in der Drogerie. Auch künstliche Produkte aus dem Sportladen tun ihren Dienst. Eine gute Idee ist es die Creme schon eine Woche vorm Laufen zu testen, um herauszufinden ob man gegen die Inhaltsstoffe allergisch ist.
  • Pause: Schuhe aus. Für mich hat es sich bewährt in Pausen die Stiefel zu öffnen, oder sogar auszuziehen. Die Füße bekommen Luft und können sich entspannen.

Essen

Ich hatte ja (enttäuschte Erwartung) auch auf eine kulinarisch wunderbare Reise gehofft. Es gab auch hin und wieder gutes Essen. Generell kann man das allerdings auf keinen Fall sagen. Der Kaffee in entlang des Weges ist angenehm günstig aber schmeckt furchtbar. Das Pilgermenu welches in den meisten Orten mit Herbergen günstig angeboten wird reicht von lieblos versalzen bis sehr, sehr selten tatsächlich delikat. Wein ist immer günstig und hat mich vielfach sehr positiv überrascht. Chorizo gibts überall und häufig wirklich guten Schafskäse. Manche Pilger nehmen sich vor während der Reise auf Alkohol und Zigaretten zu verzichten. Im Allgemeinen fällt dies sehr schwer, so war zu beobachten.

Ich werde diesen Artikel vermutlich noch öfter aktualisieren, wenn mir weitere wichtige Details wieder einfallen.

Ich wünsche nun allen, egal ob Jakobs- oder nicht, einen guten Weg. Buen camino!


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